Fast zwei Jahre Elternzeitreise: Wo unser Weg wirklich begann
Familienzeit beim “Lesen” während der Elternzeit: Bangkok 2018
Kurz gesagt
- Die wichtigste Erfahrung lag in unserem gewöhnlichen Alltag: Wir konnten auch weit außerhalb Deutschlands als Familie gut zusammenleben.
- Familienleben, Wärme und ein funktionierender Alltag waren bereits genug.
- Wenn die Belastung steigt, darf eine Familie ihre Entscheidung ändern.
Inhaltsübersicht
Unsere Suche nach einem anderen Familienleben begann 2018 mit einer Elternzeitreise, zwei sieben Monate alten Babys und dem Wunsch, als Familie Zeit füreinander zu haben. Aus einer lange geplanten Reise wurden fast zwei Jahre unterwegs. Die wichtigste Erfahrung lag in unserem gewöhnlichen Alltag: Wir konnten auch weit außerhalb Deutschlands als Familie gut zusammenleben.
Auf einen Blick
| Frage | Einordnung |
|---|---|
| Reisezeitraum | September 2018 bis Juni 2020 |
| Alter beim Start | Sieben Monate alte Zwillinge |
| Reiseform | Gemeinsame Elternzeit mit offen angepasster Route |
| Wichtigste Erkenntnis | Gewöhnlicher Familienalltag war wichtiger als möglichst viele Stationen |
Wie aus einem Plan fast zwei Jahre unterwegs wurden
Die Idee entstand schon vor den Kindern
Bevor wir Eltern wurden, schauten wir zur Reiseplanung häufig Vlogs anderer Familien. Irgendwann stand für uns fest: Wenn wir einmal Kinder bekommen, möchten wir die Elternzeit gemeinsam länger in Asien verbringen. Nur zu Hause wollten wir in dieser Zeit nicht bleiben.
Für mich war Asien kein völlig unbekanntes Versprechen. Während meines Studiums hatte ich ein Praxissemester auf Bali verbracht. Ich wusste deshalb, dass dort selbstverständlich Familien leben, Kinder groß werden und ein normaler Alltag möglich ist. Außerdem hatte ich erlebt, wie stark Dienstleistungen rund um Essen und Haushalt entlasten können.
Mit Zwillingen erschien uns genau diese Entlastung wertvoll. Wir wollten beide gleichzeitig für die Kinder da sein, statt dass einer arbeitet und der andere den größten Teil des neuen Alltags allein bewältigt. Warmes Klima, Meer und weniger Hausarbeit klangen für uns nach einer guten Umgebung, um als Familie zusammenzufinden.
Große Angst hatten wir vor der Reise nicht. Uns beschäftigte vor allem eine praktische Frage: Reicht unsere Kalkulation wirklich für eine so lange Zeit?
Am 4. September 2018 ging es los
Unsere Kinder waren sieben Monate alt, als wir am 4. September 2018 nach Thailand flogen. Die Reise war zeitlich begrenzt. Sie sollte kein endgültiger Abschied von Deutschland sein und auch kein Test für ein bestimmtes Auswanderungsland.
Wir starteten in Pattaya, weil dort eine Wohnung in der Familie frei wurde. Schnell merkten wir, dass der Ort nicht zu uns passte. Nach einer Woche in Bangkok zogen wir weiter nach Koh Phangan. Danach folgten Ubud auf Bali, erneut Bangkok und im März 2019 eine Reise durch Yunnan in China mit Stationen in Kunming, Lijiang und Dali.
Anschließend verbrachten wir drei Monate in Vietnam, in Hanoi, Da Nang und Hoi An. Danach führte uns die Reise nach Europa: zunächst nach Südspanien, dann für zwei Monate nach Essaouira in Marokko, wieder nach Spanien und schließlich für mehrere Monate nach Gran Canaria. Im Juni 2020 endete die lange Reise. Nach einem weiteren Monat in Hamburg begann unser neuer Alltag in Deutschland mit Arbeit und Kita.
Auf dem Papier liest sich diese Route wie eine klassische Langzeitreise. Im Alltag fühlte sie sich anders an. Zwei Babys bestimmten den Rhythmus stärker als jede Sehenswürdigkeitenliste.
Warum die gewöhnlichen Tage besonders wertvoll waren
Wir standen auf, wenn die Kinder wach wurden. Ich wickelte sie, Tina stillte sie, und wir machten uns nacheinander fertig. Einkaufen und Organisieren lagen häufig bei mir. Essen bestellten wir oft, weil es uns Zeit und Kraft sparte.
Diese Entlastung war kein Nebendetail. Sie schuf Raum dafür, dass wir uns beide um die Kinder kümmern konnten. Wir verbrachten viel Zeit zusammen, spielten, schliefen früh ein und lernten erst einmal, wie unser Familienleben mit Zwillingen überhaupt funktioniert.
Eine meiner stärksten Erinnerungen stammt von Koh Phangan. Wir saßen auf einer Terrasse mit Blick auf das Meer, die Kinder auf dem Boden vor uns. Dort begannen sie mit fester Nahrung. Es war kein besonderer Reisetag. Es war ein gewöhnlicher Familienmoment an einem ungewöhnlichen Ort.
Genau solche Tage veränderten unseren Blick. Wir mussten nicht ständig unterwegs sein, damit sich die Reise lohnte. Familienleben, Wärme und ein funktionierender Alltag waren bereits genug.
Was unterwegs schwierig wurde
Fast zwei Jahre Elternzeitreise bestehen nicht nur aus den Bildern, die später im Fotoalbum bleiben.
In China wurde die große Sprachbarriere belastend. Außerdem zogen wir als europäische Familie mit zwei blonden Babys sehr viel Aufmerksamkeit auf uns. Menschen fotografierten uns, ohne vorher zu fragen, und manchmal bildeten sich Gruppen um uns herum. Das war für uns keine freundliche Neugier. Wir empfanden es als grenzüberschreitend. Hinzu kamen deutlich höhere Ausgaben als geplant.
Auch in Vietnam erreichten wir einen Punkt, an dem uns Hitze, Krankheiten und die Summe der täglichen Anforderungen zu viel wurden. Wir brachen nicht die gesamte Reise ab. Wir wechselten den Kontinent. Über Spanien und Marokko fanden wir einen Alltag, der in diesem Moment besser zu uns passte.
Diese Erfahrung ist bis heute wichtig für uns: Eine Route ist kein Versprechen, das man um jeden Preis erfüllen muss. Wenn die Belastung steigt, darf eine Familie ihre Entscheidung ändern.
Woran wir merkten, dass Familienleben unterwegs funktionieren kann
Es gab keinen einzelnen Sonnenuntergang, an dem wir plötzlich beschlossen, für immer so zu leben. Die Überzeugung war schon vor dem Abflug da. Die Reise hat sie geprüft.
Sie zeigte uns, dass Kinder nicht automatisch einen festen deutschen Alltag brauchen, damit Familie funktioniert. Sie zeigte uns ebenso, dass ein schönes Land allein keine Leichtigkeit garantiert.
Auf Gran Canaria wurde besonders deutlich, wie angenehm die Verbindung aus europäischer Infrastruktur, frischen Lebensmitteln, Sonne und einem unkomplizierten Weg zum Strand sein kann. Auch Málaga fühlte sich alltagstauglich an. Trotzdem wurde keiner dieser Orte damals zu einer endgültigen Antwort.
Wir suchten 2018 noch keine neue Heimat. Wir wollten reisen, Zeit miteinander verbringen und verschiedene Länder erleben. Häufig zogen wir weiter, weil wir etwas Neues sehen wollten oder ein Visum auslief. Heute ist unser Maßstab ein anderer.
Warum wir 2020 nach Deutschland zurückkehrten
Unsere Rückkehr war kein Scheitern und kein Beweis dafür, dass das Leben unterwegs doch nicht funktioniert.
Fast zwei Jahre Elternzeit ohne reguläres Einkommen kosten viel Geld. Unsere finanziellen Reserven waren nicht unbegrenzt, und in Deutschland warteten berufliche Verpflichtungen. Wir arbeiteten gern und wollten wieder Stabilität aufbauen.
Deshalb kehrten wir zurück. Arbeit und Kita gaben unserem Alltag schnell eine neue Struktur. Der Gedanke an einen späteren Aufbruch blieb. Wir wollten wieder los, bevor der Schulweg der Kinder uns stärker an einen Ort bindet.
Die Jahre in Deutschland waren nicht die Unterbrechung unseres eigentlichen Lebens. Sie waren ein eigener wichtiger Abschnitt: arbeiten, ein Haus kaufen, renovieren, Reserven aufbauen und als Familie weiter wachsen.
Was beim zweiten Aufbruch anders wurde
Als wir im Oktober 2024 erneut loszogen, wiederholten wir die erste Reise nicht.
Diesmal wollten wir langsamer reisen und länger an Orten bleiben. Ob uns ein Land gefiel, reichte nicht mehr. Wir wollten wissen, ob an einem Ort ein normaler Familienalltag möglich ist: Arbeit, Lernen, Freundschaften, medizinisches Vertrauen, Bewegungsfreiheit und Routinen.
2018 waren wir überwiegend Reisende mit einem geplanten Ende. Seit 2024 sind wir eine Familie auf einer offenen Suche. Wir besuchen manche Orte erneut, auch weil unsere Kinder sie damals nur als Babys erlebt haben. Wir bewerten sie heute mit anderen Bedürfnissen und mehr Erfahrung.
Aus der Frage, wohin wir als Nächstes reisen möchten, wurde eine andere: Könnten wir hier mehrere Jahre leben?
Was wir vor einer ähnlichen Reise heute anders planen würden
Die erste Elternzeitreise war keine Vorlage, die wir unverändert wiederholen würden. Wir haben damals vieles richtig gemacht, manches unterwegs gelernt und einige Belastungen erst erkannt, als sie bereits da waren. Aus heutiger Sicht würden wir vier Punkte früher und genauer besprechen.
Weniger Ortswechsel fest einplanen
Unsere Route war abwechslungsreich, verlangte uns mit zwei kleinen Kindern aber viel Organisation ab. Jeder Wechsel bedeutete packen, fahren oder fliegen, eine neue Unterkunft verstehen, Essen finden und wieder einen brauchbaren Tagesrhythmus aufbauen. Heute würden wir längere Aufenthalte als Ausgangspunkt wählen und zusätzliche Stationen nur ergänzen, wenn genug Energie vorhanden ist.
Das nimmt einer Reise nichts von ihrem Reiz. Ein längerer Aufenthalt eröffnet eine andere Form des Entdeckens. Man kennt den Supermarkt, findet einen verlässlichen Waschservice und weiß, wo man mit einem müden Kind unkompliziert essen kann. Solche Kleinigkeiten entscheiden häufig darüber, ob Eltern einen Ort genießen oder nur bewältigen.
Rücklagen für Änderungen getrennt rechnen
Vor dem Abflug beschäftigte uns vor allem die Frage, ob unser Geld für die geplante Dauer ausreicht. Rückblickend fehlte in dieser Frage ein wichtiger Zusatz: Reicht es auch, wenn wir eine teure Route abbrechen, kurzfristig eine bessere Unterkunft brauchen oder früher nach Europa zurückkehren möchten?
Ein Reisebudget sollte deshalb neben den laufenden Kosten eine eigene Reserve für Änderungen enthalten. Diese Reserve ist kein zusätzliches Urlaubsgeld. Sie sorgt dafür, dass eine Familie eine belastende Situation beenden kann, ohne zuerst die günstigste Lösung abwarten zu müssen. Wie hoch sie sein muss, hängt von Route, Rückflugpreisen, Versicherung und familiärer Absicherung ab.
Entlastung als Teil der Planung behandeln
Vor der Reise dachten wir viel über Länder und Kosten nach. Im Alltag halfen uns oft viel unscheinbarere Dinge: bestellbares Essen, kurze Wege und weniger Hausarbeit. Dadurch blieb mehr Zeit für die Kinder und füreinander.
Heute würden wir solche Entlastungen schon bei der Unterkunftssuche berücksichtigen. Eine schöne Wohnung am falschen Ort kann jeden Tag Wege und zusätzliche Aufgaben verursachen. Eine einfachere Unterkunft in Laufnähe zu Essen, Einkaufsmöglichkeiten und medizinischer Versorgung kann für eine Familie deutlich angenehmer sein.
Einen Plan für die Rückkehr behalten
Unsere Reise durfte enden. Diese Gewissheit war wichtig, als Geld, Arbeit und der Wunsch nach mehr Stabilität wieder stärker wurden. Eine Rückkehr macht die vorherige Zeit nicht weniger wertvoll.
Familien sollten deshalb vor dem Start besprechen, welche Signale für eine Änderung oder Rückkehr sprechen. Dazu können Gesundheit, erschöpfte Rücklagen, berufliche Verpflichtungen oder eine dauerhaft angespannte Stimmung gehören. Ein solcher Plan nimmt der Reise nicht die Offenheit. Er verhindert, dass Durchhalten zum einzigen Maßstab wird.
Fünf Erkenntnisse, die geblieben sind
Rückblickend waren für uns fünf Punkte wichtig:
- Familienalltag kann an vielen Orten funktionieren, wenn die grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind.
- Weniger Hausarbeit und organisatorische Entlastung können wertvoller sein als ein großes Freizeitangebot.
- Eine geplante Route darf sich ändern, wenn Gesundheit, Energie oder Familiengefühl darunter leiden.
- Ein Ort kann eine wunderbare Reiseerfahrung sein und trotzdem keine langfristige Heimat.
- Zur finanziellen Freiheit gehören Geld zum Reisen und Reserven für Änderungen und die Rückkehr.
Diese Erkenntnisse sind keine Anleitung für jede Familie. Unsere Ausgangslage war besonders. Wir waren uns über die Reise einig, ich kannte Bali bereits und wir konnten fast zwei Jahre Elternzeit finanzieren. Andere Familien starten mit anderen Ängsten, Verpflichtungen und Möglichkeiten.
Fragen, die Familien vor einer langen Reise beantworten sollten
Wer von einer Elternzeitreise träumt, muss nicht gleich die perfekte Route für ein Jahr festlegen. Wichtiger sind einige ehrliche Fragen:
- Wollt ihr möglichst viel sehen oder an wenigen Orten Alltag erleben?
- Welche Entlastung braucht ihr mit einem Baby oder Kleinkind wirklich?
- Wie hoch müssen eure Rücklagen sein, damit ihr eine Route ändern könnt?
- Was passiert, wenn ein Ort, eine Unterkunft oder ein Klima nicht funktioniert?
- Erwartet ihr von der Reise Erholung oder seid ihr bereit für normalen Familienalltag in einer neuen Umgebung?
Eine lange Reise löst Überforderung, Beziehungsfragen oder finanzielle Sorgen nicht automatisch. Sie verändert den Rahmen. Manches wird leichter, anderes komplizierter.
Was von dieser Elternzeitreise geblieben ist
Für uns war diese Reise eine der prägendsten Entscheidungen unseres Familienlebens. Wir fanden 2018 keine neue Heimat. Wir fanden das Vertrauen, dass unser Familienleben nicht an einen einzigen Ort gebunden sein muss.
Unsere heutige Suche begann deshalb nicht erst 2024. Ihr Ursprung liegt in den gewöhnlichen Tagen zwischen Stillzeiten, Essensbestellungen, Ortswechseln und der Frage, ob unser Budget noch ausreicht.
Häufige Fragen
Was sollten Eltern vor einer langen Elternzeitreise zuerst klären?
Zuerst braucht es Einigkeit über das Ziel der Reise, ein belastbares Budget und einen Plan für Änderungen. Eine perfekte Jahresroute ist weniger wichtig als die Frage, wie viel Alltag, wie viele Ortswechsel und welche finanziellen Reserven für eure Familie realistisch sind.
Wie wird eine Elternzeitreise nicht zum anstrengenden Besichtigungsprogramm?
Plant weniger Stationen und lasst bewusst gewöhnliche Tage frei. Einkaufen, Schlafrhythmus, Essen und Zeit ohne Ausflugsziel zeigen schneller als jede Sehenswürdigkeit, ob der Reisealltag für Eltern und Kinder funktioniert.
Was könnt ihr tun, wenn ein Land oder eine Route mit Babys nicht funktioniert?
Eine Route darf geändert werden. Prüft zuerst, ob Unterkunft, Klima oder Reisetempo das Problem verursachen. Wenn die Belastung bleibt, kann ein Ortswechsel oder eine frühere Rückkehr die verantwortungsvollere Entscheidung sein. Dafür braucht ihr eine finanzielle und organisatorische Reserve.
Ist eine lange Reise mit Babys automatisch erholsamer als der Alltag zu Hause?
Nein. Betreuung, Schlafmangel und Verantwortung reisen mit. Ein anderer Ort kann durch weniger Hausarbeit, Wärme oder mehr gemeinsame Zeit entlasten. Er kann aber auch neue Belastungen durch Hitze, Krankheiten, Sprache und häufige Wechsel schaffen.