Wir hatten ein Haus und einen funktionierenden Alltag. Warum sind wir trotzdem wieder los?

Weserdeich in Bremerhaven

Kurz gesagt

  • Als das Haus fertig war und die Einschulung näher rückte, mussten wir entscheiden, ob wir dieses Leben wirklich für die nächsten Jahre fortsetzen wollten.
  • Es war nur immer stärker ein Leben aus Verpflichtungen.
  • Das war kein Zwischenlager für ein späteres Abenteuer.
Inhaltsübersicht

Wir sind nicht wieder losgezogen, weil unser Leben in Deutschland gescheitert war. Wir hatten Arbeit, ein frisch saniertes Haus, einen Garten, Nähe zur Familie und einen Alltag, der funktionierte. Trotzdem merkten wir: Funktionieren und passen sind nicht dasselbe. Als das Haus fertig war und die Einschulung näher rückte, mussten wir entscheiden, ob wir dieses Leben wirklich für die nächsten Jahre fortsetzen wollten.

Auf einen Blick

Auf einen Blick
Frage Einordnung
Hilft euch bei Trotz Haus auswandern
Geeignet für Familien, die Bedürfnisse, Beziehungen und Lebensmodelle ehrlich abwägen
Grundlage Persönliche Erfahrung und rückblickende Einordnung
Grenze Erfahrung und Orientierung; keine allgemeingültige Empfehlung

Deutschland war weiterhin Heimat

Als wir im Juni 2020 nach fast zwei Jahren Elternzeitreise zurückkehrten, fühlte es sich gleichzeitig nach Heimkommen und Neustart an. Deutschland war und ist unsere Heimat. Sprache, Vertrautheit, Freunde, Familie und funktionierende Strukturen gaben uns Sicherheit.

Aber die Rückkehr fiel mitten in die Corona-Zeit. Wir lebten zunächst in einer großen Wohnung in Hamburg-Niendorf. Morgens brachte ich die Kinder wegen meiner Gleitzeit häufig in den Kindergarten. Tina ging zur Schule, ich arbeitete im Ankunftszentrum und holte die Kinder später gemeinsam mit ihr wieder ab. Teilweise arbeitete ich von zu Hause weiter.

Der Alltag ließ sich organisieren. Darin lag die Gefahr: Weil alles irgendwie klappte, konnte man lange übersehen, wie wenig frei gewählte Zeit übrig blieb. Aufstehen, Kinder fertig machen, arbeiten, abholen, essen, schlafen und am nächsten Tag von vorn.

Es war kein schlechtes Leben. Es war nur immer stärker ein Leben aus Verpflichtungen.

Der Wunsch nach einem eigenen Haus war echt

Wir kauften das Haus nicht, obwohl wir insgeheim längst wieder wegwollten. Wir kauften es, weil die Idee eines dauerhaften Zuhauses zu diesem Zeitpunkt richtig erschien.

Mehrere Großeltern waren nach Deutschland zurückgekehrt und lebten in Bremerhaven. Wir wünschten uns, dass unsere Kinder mit ihnen aufwachsen und im Alltag mehr Zeit mit der Familie verbringen können. Außerdem gehörten zu unserem Bild von Familienleben ein eigenes Haus, mehr Platz und ein Garten.

In Hamburg war ein Haus für uns finanziell kaum realistisch. Deshalb suchten wir weiter außerhalb und fanden schließlich ein Haus aus den 1980er-Jahren mit viel Potenzial.

Wir sahen nicht nur die Arbeit. Wir sahen Kinderzimmer, einen Garten, gemeinsame Feste und langfristige Sicherheit. Zeitweise dachten wir sogar darüber nach, später ein zweites Gebäude auf dem Grundstück zu errichten, auch als mögliche Altersvorsorge für die Kinder.

Das war kein Zwischenlager für ein späteres Abenteuer. Es sollte unser Zuhause werden.

Aus dem Haus wurde ein großes Familienprojekt

Das Dachgeschoss war nicht fachgerecht ausgebaut. Badezimmer, Fenster, Dämmung, Böden, Küche und große Teile des Gartens mussten erneuert werden. Im Grunde blieben an vielen Stellen nur die Mauern stehen.

Ich machte sehr viel selbst oder arbeitete eng mit den Gewerken zusammen: Spachteln, Streichen, Lackieren, Fensterarbeiten, Dämmung, Laminat, Küchenaufbau, Gartenanlage, Beton- und Maurerarbeiten. Für ein großes Gartenhaus entstanden Fundament, Drainage und Holzbau. Den stark abschüssigen Garten glichen wir aus und bauten eine Stützmauer.

Bis das Haus bewohnbar war, vergingen ungefähr drei Monate. Teilweise schliefen wir bei Tinas Vater in einem Zimmer und arbeiteten tagsüber am Haus. Die gesamte Sanierung dauerte etwa ein Jahr, parallel zu unseren Berufen und dem Familienalltag.

Diese Zeit war anstrengend, aber nicht sinnlos. Wir sahen täglich, was entstand. Ich eignete mir praktisches Wissen an, das mir heute sogar in meiner Hospitality-Beratung hilft: Kosten einschätzen, Gewerke koordinieren, Räume planen und verstehen, wie Gebäude wirklich funktionieren.

Deshalb wäre es falsch, die Sanierung rückblickend nur als Belastung zu erzählen. Sie war auch ein Erfolg.

Vieles an diesem Leben war schön

In Bremerhaven waren die Wege kurz. Das Wasser und Cuxhaven lagen nah, die Luft war gut und Stau selten ein großes Thema.

Unsere Kinder hatten eigene Zimmer, viel Platz und einen Garten. Sie konnten zum Spielplatz oder zur Skateanlage gehen, lernten dort Fahrradfahren und verbrachten im Sommer viel Zeit draußen. Wir machten gemeinsame Fahrradtouren und stellten einen Pool in den Garten.

Auch die Feste bleiben wertvolle Erinnerungen. Zu Weihnachten besuchten wir verschiedene Teile der Familie. An Ostern luden wir Nichten, Schwestern, Tanten und weitere Angehörige ein und feierten gemeinsam im Haus.

Deshalb war die spätere Entscheidung schwierig. Wir ließen nicht nur Stress zurück. Wir ließen ein selbst gestaltetes Zuhause, gute Nachbarn, vertraute Wege und viele schöne Familienmomente zurück.

Wer eine solche Geschichte auf einen Satz wie „Wir wollten raus aus Deutschland“ reduziert, verpasst den entscheidenden Punkt.

Warum der funktionierende Alltag trotzdem nicht genügte

Beruflich war die Zeit intensiv. Nach der Elternzeit musste ich im Ankunftszentrum Strukturen und Teams neu aufbauen. Später kamen die Folgen der Afghanistan-Krise und des Kriegs in der Ukraine hinzu. Unterkünfte und Kapazitäten mussten in kurzer Zeit erweitert werden. Ich hatte viel Verantwortung und war teilweise auch außerhalb der üblichen Arbeitszeiten erreichbar.

Ich mochte wesentliche Teile meiner Arbeit. Außerdem nahm sie einen großen Teil meiner Energie und Familienzeit ein.

Auch Tina baute sich beruflich neu auf. Nach ihrem Wechsel aus dem privaten in den staatlichen Schuldienst entschied sie sich später für die Ausbildung zur Lerntherapeutin und entwickelte Schritt für Schritt eine eigene berufliche Perspektive.

Nachmittags überschnitten sich unsere Arbeitszeiten häufig. Während Tina mit Kindern in der Lerntherapie arbeitete, holte ich unsere Kinder ab, bereitete Essen zu und kümmerte mich um Haus, Garten und Alltag. Das war gut organisiert. Es fühlte sich aber zunehmend so an, als würde unsere Familie um die Arbeit herum stattfinden.

Die Kinder wirkten in unserem Zuhause angekommen. Die Unruhe lag nicht darin, dass etwas deutlich zerbrach. Sie lag in der Frage, ob wir Erwachsenen dieses Modell bewusst gewählt hätten, wenn wir noch einmal frei entscheiden könnten.

Der zweite Aufbruch entstand nicht an einem einzigen Tag

Schon nach der Elternzeitreise hatten wir gesagt, dass wir während der Grundschuljahre noch einmal länger losziehen möchten. Der Gedanke war also nie ganz verschwunden. Unklar war nur der Zeitpunkt.

Als das Haus fertig war, fiel ein großes Projekt weg, das unsere Aufmerksamkeit lange gebunden hatte. Außerdem war Tinas Lerntherapie so weit aufgebaut, dass sie ortsunabhängiger arbeiten konnte. Ich fragte mich immer häufiger, ob ich meinen bisherigen beruflichen Weg fortsetzen wollte.

Auch unsere Erwartungen an die Nähe zur Familie erfüllten sich nur teilweise. Ein kürzerer geografischer Abstand schafft nicht automatisch mehr gemeinsamen Alltag. Manche Kontakte blieben ähnlich sporadisch wie zuvor in Hamburg.

Dann kam die Einschulung näher. Wir mussten uns nicht mehr nur fragen, ob wir irgendwann noch einmal reisen. Wir mussten entscheiden, ob wir jetzt bleiben und uns für die nächsten Jahre stärker an Ort und Schulsystem binden wollten.

Eine kurzfristige Änderung bei der geplanten Schule beschleunigte unsere Entscheidung. Sie war nicht der einzige Grund, aber sie machte deutlich, dass wir unseren lange aufgeschobenen Plan nicht immer weiter vertagen wollten.

Aus „irgendwann noch einmal“ wurde: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Losgehen bedeutete nicht, alle Brücken abzubrechen

Wir verkauften einen großen Teil unseres Besitzes und lagerten persönliche Dinge ein. Das Haus wollten wir behalten. Es war frisch kernsaniert und für uns emotional wie finanziell wertvoll.

Deshalb suchten wir sorgfältig nach Mietern, denen wir es anvertrauen konnten. Als wir passende Menschen fanden, vermieteten wir bewusst nicht zum maximal möglichen Preis. Uns war wichtiger, ein gutes Gefühl zu haben. Die Miete deckt Zins und einen Teil der Tilgung; einen Teil zahlen wir weiterhin selbst.

Auch beruflich sprangen wir nicht ohne Grundlage ins Ungewisse. Tina hatte ihre Lerntherapie aufgebaut. Ich machte mich als Hospitality-Berater für Customer Experience selbstständig. Wir budgetierten und sorgten dafür, dass Einnahmen nicht ausschließlich von Rücklagen abhingen.

Der zweite Aufbruch war mutig. Er war aber kein spontaner Ausstieg ohne Netz.

Der Moment, in dem es wirklich wurde

Nachdem wir den Mietern die Schlüssel übergeben hatten, schliefen wir noch ein oder zwei Nächte mit unseren gepackten Koffern bei Tinas Vater. Das Haus, an dem wir so lange gearbeitet hatten, gehörte plötzlich zum Leben anderer Menschen.

Am nächsten Morgen nahmen wir den Zug zum Flughafen Frankfurt. Spätestens im Flugzeug war klar: Jetzt beginnt tatsächlich der nächste Abschnitt.

Der Abschied von Familie und Freunden war traurig. Außerdem fühlte sich der Aufbruch erhaben und richtig an. Beides durfte nebeneinanderstehen.

Was diese Entscheidung nicht bedeutet

Sie bedeutet nicht, dass Häuser unfrei machen. Sie bedeutet nicht, dass ein geregelter Alltag wertlos ist. Und sie bedeutet erst recht nicht, dass jede Familie losziehen sollte, sobald der Alltag anstrengend wird.

Für uns zeigte die Deutschlandphase etwas anderes: Äußere Stabilität beantwortet nicht automatisch die Frage nach Lebensqualität.

Ein Haus kann wunderschön sein und trotzdem nicht festlegen, wie eine Familie leben muss. Ein Beruf kann sinnvoll sein und trotzdem zu viel Raum einnehmen. Nähe zur Familie kann wichtig sein und sich im Alltag dennoch anders entwickeln als erhofft.

Drei Fragen, die uns geholfen haben

Wenn euer Leben funktioniert, aber nicht mehr ganz zu euch passt, müsst ihr nicht sofort kündigen, verkaufen oder auswandern. Hilfreicher sind zunächst drei ehrlichere Fragen:

  1. Welche Teile unseres Alltags würden wir genauso wieder wählen?
  2. Was funktioniert nur, weil wir dauerhaft Energie ausgleichen und improvisieren?
  3. Welche Veränderung könnten wir zeitlich begrenzt testen, ohne alles aufzugeben?

Unsere Antwort war eine längere Suchbewegung im Ausland. Für eine andere Familie kann die Antwort eine Arbeitszeitreduzierung, ein Umzug, eine längere Auszeit oder die bewusste Entscheidung für das bestehende Leben sein.

Wir gingen nicht, weil wir nichts hatten. Wir gingen, weil wir trotz allem, was wir hatten, noch einmal prüfen wollten, welches Familienleben wirklich zu uns passt.

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