Warum unser zweiter Aufbruch keine neue Weltreise ist

Straße in der Chiang Mai Area

Kurz gesagt

  • Wir bleiben mehrere Monate, organisieren Arbeit und Lernen vor Ort und prüfen eine andere Frage: Könnte aus diesem Aufenthalt ein Zuhause für mehrere Jahre werden?
  • Sie beantworteten aber noch nicht die Frage, wo wir langfristig leben möchten.
  • Auf einer Heimatsuche fragt man, was man jeden Dienstag leben könnte.
Inhaltsübersicht

Unser zweiter Aufbruch im Oktober 2024 ist keine neue Weltreise, weil nicht das Reisen unser Ziel ist. Wir sammeln keine Länder und folgen keiner festen Route. Wir bleiben mehrere Monate, organisieren Arbeit und Lernen vor Ort und prüfen eine andere Frage: Könnte aus diesem Aufenthalt ein Zuhause für mehrere Jahre werden?

Auf einen Blick

Auf einen Blick
Frage Einordnung
Hilft euch bei Heimatsuche im Ausland
Geeignet für Familien, die Bedürfnisse, Beziehungen und Lebensmodelle ehrlich abwägen
Grundlage Persönliche Erfahrung und rückblickende Einordnung
Grenze Erfahrung und Orientierung; keine allgemeingültige Empfehlung

2018 wollten wir reisen

Unsere erste lange Reise begann im September 2018. Die Kinder waren sieben Monate alt, wir hatten eine geplante Elternzeit und wollten gemeinsam verschiedene Länder erleben.

Wir zogen durch Thailand, Bali, China und Vietnam, später durch Spanien, Marokko und Gran Canaria. Manchmal reisten wir weiter, weil ein Visum auslief. Manchmal lockte der nächste Ort. Und manchmal änderten wir die Route, weil der bisherige Abschnitt zu anstrengend geworden war.

Diese Reise hatte ein absehbares Ende. Beruf und Alltag in Deutschland warteten auf uns. Wir waren überwiegend Reisende, mit zwei Babys, viel Familienzeit und dem Wunsch, die Welt kennenzulernen.

Die fast zwei Jahre zeigten uns, dass Familienleben unterwegs grundsätzlich funktionieren kann. Sie beantworteten aber noch nicht die Frage, wo wir langfristig leben möchten.

2024 war unsere Ausgangsfrage eine andere

Nach der Rückkehr arbeiteten wir wieder, kauften ein Haus und sanierten es umfassend. Wir bauten einen stabilen deutschen Alltag auf. Trotzdem blieb der Gedanke, während der Grundschulzeit noch einmal länger aufzubrechen.

Am 23. Oktober 2024 begann dieser zweite Abschnitt.

Diesmal gab es keinen fertig geplanten Reisebogen. Wir hatten keine Liste von Ländern, die wir unbedingt abhaken wollten. Unser erstes Ziel war Hua Hin in Thailand, ein Ort, den wir vorher kaum kannten. Danach wollten wir schauen, was sich aus dem Alltag ergibt.

Der Unterschied klingt klein, verändert aber fast jede Entscheidung: Auf einer Weltreise fragt man oft, was man sehen möchte. Auf einer Heimatsuche fragt man, was man jeden Dienstag leben könnte.

Wir bleiben lange genug für gewöhnliche Tage

Urlaub kann einen Ort wunderschön zeigen. Für eine langfristige Entscheidung reicht das nicht.

Deshalb bleiben wir nach Möglichkeit mehrere Monate. Erst dann erleben wir Ankunft, Neugier und besondere Ausflüge. Hinzu kommen Einkauf, Wäsche, Arbeit, Lernzeiten, Krankheiten, Verkehr, Regen und die Tage, an denen niemand etwas entdecken möchte.

In Hua Hin blieben wir ungefähr sechs Monate. Auch Bali, Chiang Mai und Da Nang betrachteten wir als mögliche Alltagsorte und nicht bloß als Stationen. Wir mieteten Wohnungen oder Häuser, suchten Lernangebote, bauten Arbeitsroutinen auf und lernten die wiederkehrenden Wege kennen.

Manche Orte gefielen uns sofort und verloren später an Kraft. Andere fühlten sich am Anfang falsch an und wurden mit jedem normalen Tag besser.

Dafür brauchen wir Zeit.

Wir sind eher Austester als Auswanderer

Wenn uns jemand fragt, ob wir ausgewandert sind, lautet meine ehrliche Antwort bisher: nein.

Für mich bedeutet Auswandern, in einem neuen Land tatsächlich anzukommen: mehrere Jahre bleiben, verlässliche Aufenthaltsrechte organisieren, Beziehungen aufbauen, vielleicht ein Unternehmen gründen oder Eigentum und langfristige Strukturen schaffen.

Wir sind noch nicht an diesem Punkt. Bisher bewegen wir uns überwiegend mit zeitlich begrenzten Aufenthalten zwischen verschiedenen Ländern. Wir prüfen, ob das Lebensgefühl und die Möglichkeiten langfristig zu uns passen und sind bislang jedes Mal weitergezogen.

„Austester“ beschreibt uns deshalb besser als „Auswanderer“. Das ist kein offizieller Begriff. Aber er zeigt, dass unsere Offenheit nicht das endgültige Lebensmodell sein muss. Wir wollen nicht für immer unterwegs bleiben. Wir suchen einen Ort, an dem das Weiterziehen irgendwann weniger attraktiv wird als das Bleiben.

Auch digitale Nomaden beschreibt uns nur teilweise

Wir arbeiten digital und können unseren Alltag über längere Zeit ortsunabhängig organisieren. Nach einer technischen Definition könnte man uns deshalb digitale Nomaden nennen.

Mit dem üblichen Bild identifizieren wir uns trotzdem kaum. Unser Alltag besteht nicht hauptsächlich aus Laptop, Café und der nächsten Community. Wir sind eine Familie mit Lernzeiten, Einkäufen, Wäsche, beruflichen Verpflichtungen und dem Wunsch nach stabilen Beziehungen.

Wir wechseln nicht alle paar Wochen den Ort. Häufig bleiben wir ein halbes Jahr. Das Reisen ist für uns nicht das Produkt, das wir möglichst lange erhalten möchten. Es ist der Weg zu einer längerfristigen Entscheidung.

Was wir an einem Ort tatsächlich prüfen

Unser Test ist keine starre Tabelle mit einem Punktesieger. Viele Antworten entstehen erst im Alltag.

Wir schauen auf das grundlegende Lebensgefühl: Können wir hier Routinen aufbauen, die uns guttun? Wie einfach sind Einkaufen, Kochen, Arbeiten und Wege? Gibt es Natur, Bewegung und ein Klima, in dem wir gern draußen sind?

Dann kommen die langfristigen Fragen:

  • Finden wir einen Lernort, der fachlich, menschlich und finanziell zu uns passt?
  • Können sich die Kinder zunehmend selbstständig und sicher bewegen?
  • Können wir als Erwachsene arbeiten und uns beruflich weiterentwickeln?
  • Gibt es eine realistische Möglichkeit, längerfristig zu bleiben?
  • Entstehen Beziehungen und Zugehörigkeit oder bleiben wir dauerhaft Gäste?
  • Wie passen Umwelt, Verkehr und medizinische Versorgung zu unserem Alltag?

Kein Ort erfüllt alles perfekt. Deshalb geht es nicht darum, sämtliche Kästchen abzuhaken. Wichtig ist, mit welchen Kompromissen eine Familie leben kann und welche jeden Tag Energie kosten.

Der Alltag reist mit

Nach mehreren Ortswechseln steht unser Grundgerüst inzwischen relativ stabil. Wir wissen, wie wir ankommen, wo wir zuerst einkaufen, wie wir Arbeitszeiten verteilen und wie Lernen organisiert wird.

Trotzdem beginnt an jedem Ort ein Teil der Organisation neu. Wo findet man Lebensmittel, die zum eigenen Alltag passen? Können wir selbst kochen? Wie zuverlässig ist das Internet? Wie kommen wir von A nach B? Welche Angebote sehen im Internet gut aus und funktionieren tatsächlich?

Nicht das Testen selbst ist für uns die größte Belastung. Anstrengend werden die Rahmenbedingungen: dichter Verkehr, schlechte Luft, extreme Hitze, eine unpassende Unterkunft oder ein Alltag, in dem jeder Weg Kraft kostet.

Diese Erfahrungen lassen sich nicht vollständig vorab recherchieren. Man muss sie leben.

Woran wir merken würden, dass aus einem Test ein Zuhause wird

Drei Bereiche sind für uns besonders wichtig.

Erstens brauchen wir ein langfristiges Lebensmodell. Wir möchten uns beruflich und persönlich entwickeln können, statt nur von einem europäischen Einkommen in einem günstigeren Land zu leben.

Zweitens brauchen die Kinder einen passenden und bezahlbaren Lernort. Mit zunehmendem Alter werden stabile Bezugspersonen, Freundschaften und eine konstante soziale Gruppe wichtiger.

Drittens wünschen wir uns Bewegungsfreiheit. Die Kinder sollen nicht für jeden Weg auf uns und ein Auto oder einen Roller angewiesen sein. Sie sollen zu Fuß gehen, Fahrrad fahren und ihre Umgebung zunehmend selbstständig entdecken können.

Daneben gibt es ein weniger messbares Signal: Wir möchten am Ende eines Aufenthalts nicht weg. Wenn wir wieder und wieder verlängern wollen und das Bleiben nicht mehr wie ein Kompromiss wirkt, wäre es Zeit, aus dem Test eine echte Niederlassung zu machen.

Warum wir bisher immer weitergezogen sind

Jeder Ort hat uns etwas gegeben. Hua Hin war ein guter, unkomplizierter Start. Bali war vertraut und landschaftlich besonders. Chiang Mai entwickelte sich nach einem schwierigen Beginn zu einem überraschend guten Alltag. Da Nang wurde zeitweise unser bisheriger Favorit.

Trotzdem gab es jeweils Punkte, die für unsere langfristige Perspektive schwer wogen: Größe und Möglichkeiten eines Ortes, Verkehr und Umwelt, saisonale Luftqualität, Lernangebote, Aufenthaltsfragen oder die Möglichkeit für die Kinder, sich selbstständig zu bewegen.

Das bedeutet nicht, dass diese Orte schlecht sind. Ein Ort kann für eine andere Familie sehr gut passen oder für uns in einer anderen Lebensphase wieder interessant werden.

Wir führen deshalb keine Rangliste. Wir dokumentieren einen Fit zwischen einer bestimmten Familie und einem bestimmten Zeitpunkt.

Die Suche darf ihr Ergebnis verändern

Lange Zeit richtete sich unser Blick vor allem nach Asien. Wir lieben dort vieles: Essen, Natur, Kultur, Freundlichkeit und die Möglichkeiten, die eine höhere Kaufkraft im Alltag schafft.

Mit der Zeit wurde aber klarer, dass wir für einen dauerhaften Lebensmittelpunkt mehr Kompromisse eingehen müssten, als wir momentan möchten. Das betrifft unter anderem Bildung, Sprache, Bewegungsfreiheit und langfristige berufliche oder rechtliche Perspektiven.

Diese Erkenntnis macht die Jahre in Asien nicht zu einem Umweg. Sie ist ein Ergebnis der Suche.

Vielleicht finden wir in einer anderen Region einen besseren Fit. Vielleicht kehren wir später nach Asien zurück. Eine offene Suche ist nur dann ehrlich, wenn auch eine frühere Lieblingsidee korrigiert werden darf.

Was Familien aus unserem Modell mitnehmen können

Ihr müsst euch nicht sofort zwischen „Urlaub“ und „Auswandern“ entscheiden. Dazwischen gibt es eine sinnvolle Testphase.

Ein mehrmonatiger Aufenthalt kann Fragen beantworten, die weder Reiseblogs noch Länderlisten klären:

  1. Wie fühlt sich ein gewöhnlicher Arbeitstag an?
  2. Welche Wege kosten überraschend viel Energie?
  3. Welche Bedürfnisse der Familienmitglieder unterscheiden sich?
  4. Was fehlt nach dem ersten Monat und was vermisst niemand?
  5. Welche Probleme sind lösbar und welche Teil des Ortes?
  6. Würdet ihr freiwillig verlängern?

Unser zweiter Aufbruch ist deshalb kein Versuch, möglichst lange zu reisen. Er ist der Versuch, eine große Lebensentscheidung nicht nur im Kopf zu treffen.

Wir suchen keinen perfekten Ort. Wir suchen ein Familienleben, bei dem die Vorteile schwerer wiegen als die täglichen Kompromisse und bei dem wir irgendwann nicht mehr fragen, wohin wir als Nächstes gehen.

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Was müsste ein Ort können, damit wir wirklich bleiben?

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Elternzeitreise damals, Heimatsuche heute: Was wir anders machen